Zentral, dezentral oder lieber gleich solo?

Diese Blog besteht schon seeeeehr lange, damals, als von social networking nicht einmal ein Streif am Horizont zu sehen war, als man Webseiten noch per Hand „programmieren“ musste und HTML4 der Standard war, der in einem richtig dicken Wälzer zu Hause im Bücherregal prangte.

Dann kam das Web 2.0 mit Ajax, Internet/Server wurde billig und schnell (nicht unbedingt in dieser Reihenfolge).
Aufbruchstimmung, Tools und jede, die auf sich hielt, meldete sich bei ein bis vielen Seiten an und baute Beziehungen zu anderen Nutzerinnen auf.
Manche Dienste blieben kurz, manche länger, manche bestehen bis heute.
Gedanken darüber, dass man seinen Content und seine Daten gegen kostenlose Nutzung der Dienste verhökerte, machte man sich anfangs kaum. Bis die Werbung kam, zumindest. Und die Algorithmen, die deine Daten mit der passenden Werbung und dem – angeblich – passenden Content zu verknüpfen trachteten.

Beides halte ich übrigens für ausgemachten Blödsinn. Ich probiere z.B. gerne neues aus, neue Anwendungen, Tools, Software, über die ich nicht unbedingt immer sofort schreibe, manchmal gar überhaupt nicht. Wie aber soll ich auf neue, spannende Dinge aufmerksam werden, wenn der Algorithmus nur um das kreist, was ich sowieso schon kenne, und mir immer wieder olle Kamellen in den Weg wirft. Wird schnell langweilig, meint ihr nicht?
Genauso, eigentlich schlimmer, empfinde ich die Bevormundung, mit der mir eine Timeline nicht chronologisch, sondern vom Algorithmus gewertet angezeigt wird.

Bei Twitter z.B. ist es mit der Werbung zwar nicht so schlimm (bisher jedenfalls), wie bei Instagram, wo ich inzwischen nur noch 2 „echte“ Beiträge sehe, bevor jede Menge Werbung und sponsored posts à la „Kundinnen, die dies gesehen haben, wollen auch das sehen“ die Timeline bevölkert.
Bei Twitter ist allerdings der Werte-Algorithmus so aus der Spur, dass ich nur noch von ungefähr einem Dutzend Twitterinnen Content angezeigt bekomme, von anderen, denen ich bereits seit 10 oder mehr Jahren folge, aber gar nichts mehr.

Und dann schwingen sich die Netzwerke, z.T. gezwungenermassen, zur Überwachung auf, weil es so viele unanständige Personen gibt, die Lust am zerstören und haten haben. Dabei bleiben Fehlurteile, zumal von Maschinen getroffen, nicht aus. Und plötzlich ist man supsendiert, weil sich rechtsextreme Trolle zusammengerottet haben, um einen anzuschwärzen.
Oder – das habe ich bereits selbst erlebt – selbst erstellter Content wird gecancelt*, weil angeblich Urheberrechte verletzt wurden. Letzteres fast noch harmlos, weil man erstens gut dagegen halten könnte, und weil es zweitens nur einzelne Beiträge betrifft.

Ist man erst gesperrt, womöglich noch lebenslang, gibt es keinen Zugriff mehr auf den eigenen Content, auf das aufgebaute Netzwerk, private und/oder berufliche Nachrichten (wobei man wichtige Nachrichten niemals über fremde Netzwerke austauschen sollte, wirklich niemals). Alles futsch, kein Anspruch auf nichts.

Also von zentralen Diensten, die neuerdingens von egozentrischen Alleinherrscherinnen aufgekauft wurden, zu dezentralen Diensten wechseln?
Kann man machen, da muss man aber erst wieder sein Netzwerk neu aufbauen, inklusive der Chance, tatsächlich mal neue Leute und neuen Inhalt zu sehen, so ist das ja nicht. Und tatsächlich ohne Algorithmus alles lesen zu dürfen, das ist nach all den Jahren kuratierten Contents schon recht aufregend. 😉

Aber, man ist wieder von einem Dienst abhängig. Ist der Server überlastet, geht nichts. Bricht der Server zusammen oder entscheidet sich der Dienst, aufzugeben, weil es zu viel wurde, ist alles nichts.

Ich erinnere mich noch gut, wie wir von der Plurk-Gemeinde uns zwei oder drei Alternativen aufgebaut haben, auf die wir ausweichen konnten, wenn Plurk mal wieder abgestürzt war, was zu Anfangszeiten recht häufig vorkam.

Und so komme ich zu meinem eigenen, kleinen Blog zurück. Alt, aber mein, selbst gehostet, selbst bezahlt, nur meine Verantwortung. Nur ich entscheide, wer hier was posten oder kommentieren darf. Ich entscheide auch, wo ich was verknüpfe oder veröffentliche.

D.h., ich suche mir jetzt ein paar Tools, um mich mit den zentralen oder dezentralen Diensten zu verbinden. Mich nur in meinem eigenen, kleinen Sumpf suhlen, will ich ja auch nicht, denn:

It’s all about networking.

*Ich sample manchmal Musik, und, obwohl es sich um lizensierten, gekauften Content handelt, schicken manche Firmen aus der Branche KI getriebene Bots aus, alles zu untersuchen und aufgrund kleiner Schnipsel, die sich ähnlich anhören, Ansprüche zur entweder Löschung oder Monetarisierung ganzer Stücke zu erheben. Zweimal bin ich bisher dagegen vorgegangen, beide Male war mein Content schon Jahre vorher erstellt, und ihre Ansprüche leiteten die Herrschaften aus erst kürzlich veröffentlichten Werken her.
D.h. die KI ist entweder bewusst oder bewusst fahrlässig so programmiert, dass sie einen Zeitstempel nicht zu berücksichtigen in der Lage ist. Ein Schelm, der böses dabei denkt …

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